Offline ist das neue Online

Neulich stand ich in der Küche, habe gewartet, bis das Wasser kocht, und hatte plötzlich mein Handy in der Hand. Und da wurde mir bewusst: Ich habe nicht gemerkt, wie ich es vom Küchentisch genommen habe (und wieso es überhaupt da lag) und auf die Instagram-App auf der zweiten Seite geswipt habe. Ich habe es angeschaut, wieder weggelegt und mich gefragt, seit wann genau ich diese paar Sekunden Stille nicht mehr aushalte.

Der Computer ist eher unschuldig. Der hat seinen Platz und seine Zeiten, alle Notifications sind ausgeschaltet (auch auf dem Handy), ich habe keine Mühe, ihn auf dem Schreibtisch zu lassen, und ich renne auch nicht konstant hin, um ihn aufzuklappen. Das Handy hingegen schleicht sich überall rein. Es liegt nicht nur da, es macht sich bemerkbar. Bei mir eben nicht durch Klingeln, Vibrieren oder rote Punkte, die aufploppen (das ist alles aus- und stummgeschaltet). Ich kann es nicht schönreden, es ist eine Sucht.

Ich merke, dass ich es vor allem dann benutze, wenn nichts passiert. Warten. Übergänge. Diese kleinen Lücken im Alltag. Und es geht nicht um Information. Oder um Verbindung. Es geht ums Überbrücken. Ums Beschäftigtsein. Um dieses Gefühl, nicht einfach nur da zu sein.

Im Dezember war ich drei Tage in London und habe das Handy ausgeschaltet. Was in diesen Tagen passiert ist, habe ich hier aufgeschrieben >>

Ich weiss noch, dass ich am ersten Tag öfter in meine Tasche gegriffen habe. Reflex. Am zweiten Tag wurde es weniger. Am dritten Tag war es weg. Und ich habe es auch nicht mehr vermisst. Ich war erstaunt, wie schnell es ging, mich an das Nicht-Benutzen zu gewöhnen, und auch, dass mir nichts gefehlt hat. Klar, ich habe auch nicht gearbeitet, aber trotzdem.

Seitdem beschäftigt mich das Thema intensiver. Auch, weil es nicht nur ein persönliches Gefühl ist, sondern ziemlich gut erforscht.

Smartphones funktionieren nicht zufällig so, wie sie funktionieren. Sie arbeiten mit variablen Belohnungen. Man weiss nie genau, was kommt. Eine Nachricht. Ein Like. Eine Mail. Oder nichts. Genau dieses Unvorhersehbare sorgt dafür, dass Dopamin ausgeschüttet wird. Nicht dann, wenn etwas passiert, sondern vorher. Beim Griff zum Handy. Das Gehirn liebt dieses „vielleicht“. Und es lernt rasend schnell, dass sich Nachschauen lohnen könnte.

Das ist dasselbe Prinzip, das man aus der Suchtforschung kennt. Nur nennen wir es hier „Alltag“. Oder „Erreichbarkeit“. Oder „Organisation“.

Studien zeigen, dass wir unser Handy im Schnitt mehrere hundert Male pro Tag berühren. Oft ohne bewusste Entscheidung. Und es wird noch spannender: Schon die blosse Anwesenheit des Smartphones – ausgeschaltet, auf dem Tisch – senkt die kognitive Leistungsfähigkeit. Ein Teil der Aufmerksamkeit bleibt gebunden. Wie ein offener Kreis, der nie ganz schliesst. Das Nervensystem bleibt in Bereitschaft. Tiefes Denken wird anstrengender. Abschalten sowieso.

Gleichzeitig gibt es im Gehirn ein Netzwerk, das nur dann aktiv wird, wenn wir nichts tun. Kein Input, keine Reaktion, keine Aufgabe. In diesen Phasen verarbeitet das Gehirn Erlebtes, sortiert Emotionen, verbindet Gedanken neu. Kreativität entsteht dort. Auch Zufriedenheit. Wer diese Phasen ständig unterbricht – und genau das tun wir mit permanentem Handygebrauch –, beraubt sich genau dieser Prozesse.

Interessant ist auch, was passiert, wenn Menschen ihr Handy bewusst weglegen. Studien zeigen, dass schon wenige Tage mit reduziertem Smartphone-Konsum zu besserer Stimmung, mehr Klarheit und höherer wahrgenommener Lebenszufriedenheit führen. Menschen berichten von besserem Schlaf, mehr Geduld, mehr Ideen. Nicht, weil plötzlich alles gut ist, sondern weil das System wieder Luft bekommt.

Das hat mich auch in meiner Arbeit nachdenklich gemacht. In unseren Retreats wollen Menschen zur Ruhe kommen, sich spüren, präsent sein. Und gleichzeitig liegt das Handy oft griffbereit neben der Matte oder auf dem Tisch. Deshalb haben wir begonnen, handyfreie Zonen einzuführen. Beim Essen. Beim Yoga. Das Handy bleibt im Zimmer. Und ja, es gibt auch die Möglichkeit, es für diese Zeit abzugeben. Nicht, um jemanden zu erziehen. Sondern weil ich weiss, wie stark diese Gewohnheit ist. Und wie erleichternd es sein kann, wenn die Entscheidung nicht immer neu getroffen werden muss.

Ich glaube nicht, dass wir zurück in eine analoge Welt müssen. Aber ich glaube, dass wir wieder lernen dürfen, Offline-Zeiten ernst zu nehmen. Nicht als Wellness-Trend, sondern als Voraussetzung dafür, klar denken, kreativ arbeiten und zufrieden leben zu können.

Vielleicht ist das heute der eigentliche Luxus.
Nicht immer erreichbar zu sein.
Nicht jede Lücke zu füllen.
Sondern sich diese ungeplanten, manchmal etwas unbequemen Momente wieder zu erlauben.

Und zu merken, dass genau dort oft das entsteht, was wir eigentlich suchen.

Posted on January 19, 2026 .