Gedanken zur inneren Führung

oder: was passiert, wenn man sie ignoriert

Manchmal merke ich es erst im Nachhinein. Nicht im Moment selbst. Sondern später, wenn mir Dinge schwerer fallen als sonst. Wenn ich müder bin, obwohl objektiv gar nicht so viel los ist. Oder wenn ich mich frage, warum mir etwas, das ich eigentlich gerne mache, plötzlich Energie zieht.

Dann wird mir oft klar: Ich habe mich selber übergangen.

Nicht dramatisch. Nicht mit Ansage. Eher so im Alltag. Ein „Ich mache das jetzt halt noch“, obwohl innerlich schon lange ein Nein da war. Oder ein leises Gefühl von „eigentlich stimmt das für mich nicht mehr“, das ich wegschiebe, weil es gerade unpraktisch ist.

Jedes Mal, wenn ich meine innere Führung ignoriere, geht Energie verloren. Nicht schlagartig. Sondern langsam. Wie ein kleines Leck, das man lange übersieht.

Ich habe früher gedacht, innere Führung sei etwas Abgehobenes. Intuition, Bauchgefühl, solche Dinge. Heute erlebe ich sie viel nüchterner. Sie zeigt sich körperlich. Als Spannung. Als Müdigkeit. Als Widerstand. Oder als dieses klare Wissen, das sich nicht logisch erklären lässt, aber trotzdem da ist.

Interessant finde ich, dass genau das auch in vielen Büchern und Studien beschrieben wird. In The Body Keeps the Score schreibt Bessel van der Kolk darüber, wie der Körper alles speichert, was wir nicht ernst nehmen. Und Gabor Maté beschreibt in When the Body Says No, wie sehr Anpassung auf Kosten der eigenen Wahrheit Kraft kostet. Das hat mich weniger überrascht als bestätigt. Weil ich es kenne.

Was mir hilft, wieder näher an diese innere Führung zu kommen, ist erstaunlich unspektakulär.

Yoga zum Beispiel. Nicht als spirituelle Praxis, sondern ganz konkret. Ich merke im Yoga sehr schnell, ob ich mich zwinge oder ob ich bei mir bin. Der Körper reagiert sofort. Wenn ich über meine Grenzen gehe, wird der Atem flach. Wenn ich zu sehr will, wird es eng. Yoga bringt mich aus dem Kopf zurück in den Körper. Und dort ist diese innere Führung viel klarer spürbar als in jeder Pro-und-Contra-Liste.

Ähnlich erlebe ich es mit Pferden. Pferde lassen keine Ausreden gelten. Sie reagieren nicht auf das, was ich mir erzähle, sondern auf das, was da ist. Wenn ich innerlich nicht klar bin, wird es schwierig. Wenn ich präsent bin, wird es einfach. Diese Ehrlichkeit ist manchmal unbequem, aber sie bringt mich schneller zu mir zurück als jedes Gespräch.

Und dann ist da noch die Natur. Besonders der Wald. Ich habe lange nicht verstanden, warum Waldbaden so ein Thema ist. Heute verstehe ich es besser. Im Wald passiert etwas mit meinem Nervensystem. Ich werde ruhiger, ohne dass ich etwas tun muss. Gedanken verlieren an Dringlichkeit. Der Körper schaltet einen Gang runter. Studien zeigen, dass sich der Stresslevel messbar senkt – aber eigentlich spüre ich das auch ohne Studien.

Vielleicht ist das der gemeinsame Nenner von Yoga, Pferden und Natur: Sie holen mich raus aus dem Funktionieren. Sie verlangen nichts. Und genau dadurch wird wieder hörbar, was sonst untergeht.

Ich glaube nicht, dass man immer seiner inneren Führung folgen kann. Das Leben ist kein Wunschkonzert. Rechnungen wollen bezahlt werden, Verantwortung hört nicht einfach auf. Aber ich merke, dass es einen Unterschied macht, ob ich mich dauerhaft übergehe oder ob ich wenigstens wahrnehme, wo ich es tue.

Denn innere Führung zu ignorieren kostet Energie. Ihr zuzuhören kostet manchmal Mut. Aber langfristig fühlt es sich ehrlicher an.

Und vielleicht ist genau das der Punkt: nicht alles sofort ändern zu müssen, aber aufzuhören, sich selbst zu überhören.

Posted on January 4, 2026 .